Erstes Kapitel.
Ein verwöhntes Prinzesschen.
"Nein, sowas ist noch nicht dagewesen, davor können sich ja alle Murmeltiere in der ganzen Welt verstecken," sagte Minna, das Stubenmädchen; „wenn ich Fräulein Ewchen glücklich aus dem Schlaf wecken müßte, so könnte ich das wenigstens mit den Augen hinsehn, dann dreht sie sich auf die andere Seite herum und murmelt dabei etwas, das sicher kein Schmeichelspruch für mich ist."
"Aber Minna, das Fräulein muß geweckt werden, es ist die höchste Zeit, Eva kommt sonst zu spät zur Schule," erwiderte die Frau Hauptmann Fischer, eine ältere, gutmütige und freundliche Dame, die seit vielen Wochen den Haupträumers Witteln vorstand.
"Dann versuchen Sie nur selber Ihr Heil, Frau Hauptmann," sagte Minna entschieden; „mir hat sie erst gestern früh, als ich sie wecken wollte, ein Buch an den Kopf geworfen; solche Behandlung ist man aber doch nicht gewöhnt."
"Liebe Eva, es ist die höchste Zeit, ermuntern Sie sich," bat nun die vor das Bett ihrer mütterlichen Pflegerin sonnende Dame. Eva tat, als höre sie gar nichts, schüttelte jedoch unwillig die Hände der Frau Hauptmann von sich ab, als diese ein sanftes Küsseln versuchte.
"Was soll nun werden? Wir erreichen nichts," fragte die Dame. „Unser Frühstück ist längst vorüber. Ihr Papa sitzt seit zwei Stunden am Arbeitsstisch, und Ihr Bruder ist auch schon fort, wie wollen Sie nur fertig werden! Sie müssen ja noch sein."
Harden, Eva's Lehrjahre.