Full text: Evas Lehrjahre

Lieschen schwieg; sie mußte erst Mut fassen, um von sich selbst zu sprechen; dann sagte sie: „Sieh, ich habe weder Vater noch Mutter, weder Verwandte noch Geschwister und bin doch zufrieden.“ Eva richtete sich auf und blickte Lieschen teilnehmend an. „Armes Lieschen, ich mußte, daß du eine Waife bist, aber ich habe nie darüber nachgedacht,“ sagte sie. „Meine Eltern habe ich gar nicht gekannt,“ erzählte Lieschen; „ich habe einen Vormund, der für mich sorgt.“ „War er immer gut gegen dich?“ forschte Eva. „Ich bin ihm vielen Dank schuldig,“ entgegnete Lieschen. „Er hat viel Mühe von der Vormundsgschaft gehabt, die er aus Menschenfreundlichkeit übernahm, weil mein Vater lange Jahre in seinem Geschäft tätig gewesen war. Die Hinterlassenschaft meiner Eltern war sehr gering, und selbst als alles verkauft wurde, reichte der Erlös kaum zu meinem Unterhalt und meiner Erziehung aus.“ „Wie traurig!“ sagte Eva schaudernd. „Arm und verwaist! Bleibst du bei dem Vormund?“ „Das wäre wohl kaum gegangen,“ erwiderte Lieschen; „er gab mich in Pension.“ „Und da hattest du es gut?“ fragte Eva begeister. „Die Leute besaßen viele Kinder, ihr Einkommen war gering, da nahmen sie noch mehr Küstgänger ins Haus,“ sagte Lieschen. „Es mag wohl schwer gewesen sein, mit der geringen Entschädigung, die sie dafür erhielten, auszukommen; an Ärger und Arbeit fehlte es ihnen auch nicht, da war ihnen solch kleines Kind, wie ich, gewiß eine große Last. Ich drückte mich still in die Winkel und Ecken und war froh, wenn niemand nach mir fragte. Nur einen Münchich hatte ich, auch so viele Jahre lang, der mich fortwährend quälte und doch stets unersättlich blieb.“ „Welcher war das?“ fragte Eva. „Ach, ich hätte gern einmal so viel gegessen, wie ich mochte,“ entgegnete Lieschen mit trüben Lächeln. „Wie schrecklich! Du mußtest hungern?“