Full text: Evas Lehrjahre

Lieschen schüttelte den Kopf. „Ich sei viel zu groß für solche Spielereien,” sagte die Pflegemutter, „acht hätte ich keine wieder gern. Meine Else war für mich ein lebendes Geschöpf, sie konnte mir nicht ersetzt werden." „Und bei diesen grausamen Menschen mußtest du dein ganzes Leben bleiben!” rief Eva aus. „Ich hätte mich beim Vormund beleidigt.“ „Dazu hatte ich keinen Grund! Mußte ich nicht dankbar sein, daß ich nicht ins Waisenhaus kam?“ fragte Lieschen. „Nach meiner Einsegnung brachte mich der Vormund hierher, damit ich tüchtig werde, um mir mein Brot selbst zu verdienen. Eigentlich sollte es nur auf zwei Jahre sein; aber ich war noch so klein und schmächtig, daß ich mich erst kräftigen und auswaschen mußte, und da die Frau Oberspitz das Kostgeld für mich herabsetzte, so wurde beschlossen, daß ich drei Jahre bleiben solle, bis der letzte Rest meines Vermögens verbraucht sei. Das ist nun bald geschehen; aber wie gut ist es mir ergangen, wie glücklich habe ich mich gefühlt. Ich hoffe, ich werde imstande sein, mich dann in irgendeiner Stellung nützlich zu machen und mir meinen Unterhalt zu verdienen." „Dann gehst du bald fort, wie schade!“ rief Eva mit warmem Bedauern. „Doch erst im Laufe des Winters, wenn sich etwas Geeignetes bietet,” entgegnete Lieschen. „O, so las ś uns Freundinnen sein,” bat Eva. „Wie oft habe ich mich nach einer Herzensfreundin gesehnt." „Wie gern! ich hatte dich immer sehr lieb, aber ich wagte gar nicht, es zu zeigen,” rief Lieschen. „Ihr seid alle so viel klüger und reicher und vornehmer als ich, da möchte ich mich nirgends ausdrängen.” Eva umfaßte sie und küßte sie innig. „Von heute an sind wir Schwestern,” sagte sie, „und alles ist uns gemeinsam, Freund und Leib.“ Am Abend berichtete Eva Fräulein Sanna von den mit Lieschen geschlossenen Bunde. „Nicht wahr, Sie sind und bleiben"