Full text: Evas Lehrjahre

fehlte nicht an derben Scherzen und kräftigen Püßen und unwilligen Ausräufen. Da plötzlich mit einem Male tiefe, weisevolle Stille — die ersten Klänge des Choralis, den die Musiker auf dem Rathause anstimmen, stiegen empor, und nun braute es daher, gewaltig und majestätisch, und aus dem Munde und den Herzen so vieler Taufender erbute das alte Lutherlied: „Ein' feste Burg ist unser Gott,“ und was die Väter und Urgenwälder schon vor Jahrhun-tern in frischer Sammlung gesungen, das erlangt auch jetzt von den Lippen der Enkel und brachte jeden andern Laut zum Schweigen. Das Lied war zu Ende, noch einen Augenblick lagerte andächtige Stille über der Menge, dann kam Bewegung in die Volksmassen und sie stauten auseinander in fröhler Beweglichkeit und lautem Geschäft, als müßten nun der andere Teil des Festes so schnell wie möglich in seine Rechte treten. Die Frau Doktor sah sich nach ihren Mädchen um, die nach guten, altem Brauch sich der Familie angelassen hatten: „Nun flies nach Haus, weiter brauche ich niemand, ihr andern geht ruhig spazieren,“ damit eilt sie davon. Die übrige Gesellschaft trat unter Führung des Doktors den Weg in das Gehege an, den städtischen, auf hügeligem Grund so schön gelegenen Park hin, der wie der Arzt erzählte, seine Entstehung der alten Sitte verdankte, daß jeder Kunstgenosse, ehe er Meister wurde, hier mit eigener Seele einen Baum pflanzen mußte. Der große, freie Platz mit der Musikhalle und vielen Speisewirtschaften, wo sich so schönen Sommerabenden bis Hunderte von Menschen aller Stände bewegten, lag jetzt öde und verlassen da; aber die an klaren Himmeln einporstreifende Mondscheibe beleuchtete die entlaufenen Bäume und die von zahlreichen Lichtern erhelle Stadt am Fuße des Geheges; weiterhin zeich-neten sich die Umrisse des Gebirges gegen den sanft geröteten Hori-zont ab. Die Spaziergänger wandelten wirksam, schweigsam nebeneinander, noch läut der feierliche Einbruck dem Vorganges auf dem Markte über ihnen; Pastor Willig blickte oft auf Lieschen, die