Full text: Evas Lehrjahre

des Bruders Scherz am Morgen war sicher noch nicht vergessen: Heinz hatte sich daher gleich mit einem Sahnetörtchen bewaffnet, für die er seine letzten Großherz Köstlichkeiten; nach einigen Seiten seinerseits tieß sie sich herbei, die Leckerei anzunehmen und Heinz großmütig Bezahlung zu gewähren. Die Frau Hauptmann empfing Eva mit größter Freundlichkeit und bemühte sich, es ihr recht behaglich zu machen, da sie behauptete, Eva sei ganz erschöpft; es war auch etwas Wahres daran, Eva sah sehr angestrengt aus, und das Umwenden auf dem weichen Divan tat ihr wohl; ihrem Wesen nach konnte sie aber nicht lange still verhalten, sie griff deshalb nach einem Buche und las eifrig, während sie ihre Törtchen verspeiste. Der Baumeister Dietlein war in den weitaussten Kreisen seiner Kunst und Tätigkeit halber hochgeschätzt; in seinem Verwandten hatte er seit dem Tode seiner Gattin seine höchste, all seine Gedanken und seine Zeit Anspruch nehende Lebensaufgabe gefunden. Er liebte seine Kinder unaussprechlich, war stolz auf Heinz, der ihm bisher nur Freude gemacht, und hing mit banger, sorgenvoller Zärtlichkeit an Eva; aber es war ihm nicht gegeben, beider Herzen so nahezutreten, wie er es selbst gewünscht hätte. Er vermochte sich nicht in die jugendlichen Gemüter zu versetzen, nicht auf ihre Gedanken einzugehen, und so sehr seine Kinder ihn auch liebten, sie standen ihm doch fremd gegenüber; der vermittelnde Einfluß der Mutter fehlte, er selbst empfand dies tief und litt schmerzlich darunter. Wie öde erschien ihm sein Haus, seit ihm die geliebte Frau fehlte, wie traurig und kalt fanden die Zimmer aus, die früher das Gepräge der Wohn- lichheit und Bequemlichkeit getragen, wie verändert war vor allen Dingen Eva, sein Herzblättchen! Als kleines Kind hatte sie sich zu schärigen eigenwillig und heftig gezeigt, allein wie hatte es die Mutter verstanden, sie zu lenken und sanft und segensvoll zu machen, wie liebevoll und hoch wie entschieden hatte sie Eva geleitet, während ihn jetzt die geistige und körperliche Entwicklung der Tochter von Tag zu Tag mehr beunruhigte. Er fürchtete