Full text: Evas Lehrjahre

Corridor war trotz der Gasflamme viel weniger geheuer, die Schranken sahen so finster aus, und warfen so ungemütliche Schatten. Eva wollte sich aus Heinzes Zimmer, das im Seitengebäude am Ende das langen Ganges lag, ein ihr notwendiges Buch holen; Minna würde es nicht finden, wenn Eva sie schickte. Und um diese Zeit, wo kaum der Abend begonnen, Minna zur schützenden Begleitung herbeizurufen, davor schämte sich Eva doch. Was konnte ihr denn geschehen? Sie hatte sich doch nicht durch Karolinens einsitzigen Aberglauben, über den jeder Gebildete lachen mußte, einfichtigen lassen! So ging Eva weiter, aber recht langsam und widerwillig. Plötzlich blieb sie stehen, ein jäher Schreck durchquerte sie, von offenbar, daß sie sich gegen die Band lehnen mußte. Rief es da nicht ihren Namen? Wer konnte das sein? Rein, sie mußte doch etwas haben, es befand sich ja kein Mensch in der Nähe. Aber da rief es von neuem, ihren Namen, sie pflichten Stimme: „Eva, Eva!“ Ein Irrtum war unmöglich; sollte er jetzt wirklich etwas Schreckliches, Unheimliches erleben? Nachmal las das Schrille, eigentümlich klingende „Eva, Eva!“ Das war mehr, als sie ertragen konnte. Von Furcht übermann, stürzte sie davon, der Küche zu und sank dort auf einen Stuhl. „Alle guten Geister, Fräulein Ewchen, wie sehen Sie wieder aus!“ rief die Köchin erschrocken und eilt, Eva beizusteh. „Ach, laß mich, Karoline, mir ist etwas Schreckliches begegnet“, brachte Eva mühsam hervor. „Aber es ist ja saft noch Tag“, meinte Karoline ungläubig, „das gehört doch erst in die Mitternachtsstunde.“ „Ja, es war aber doch so, es hat dreimal meinen Namen gerufen,“ flüsterte sie. „Gerufen hat es, und Ihren Namen, und dreimal?“ wiederholte Karoline in höchster Befürchtung. Dann saß sie sich gewaltig auf und suchte Eva zu beruhigen, die sich an überfalls aber nicht ausreden ließ und in die erfahrene Geisterseherin drang, sie solle ihr sagen, was das zu bedeuten habe. Diese war aber dazu nicht zu bewegen.