Full text: Evas Lehrjahre

lassen und auf die Vernunft hören willst. Du bist doch kein Kind mehr!" "O nein, seit drei Wochen stehe ich im sechsehnnten Lebensjahr," sagte Eva stolz. "Du benimmst dich aber wie ein kleines Kind mit deiner Fürchtamkeit," schalt Heinz, der sich ganz väterlich vorkam. "Hör nur deinen Coco, der macht es nicht viel besser." Er ergriff den Vogel und steckte ihn trotz seines Sträubens unter den Rockschoss. "Eva, Eva!" rief Coco aus Leibeskräften, und als alles nichts half, und er in dem dunkeln Kerstck blieb, da erklag er: "Die Ahnfrau kommt! die Ahnfrau kommt!" Die Geschwister mußten darüber so lachen, daß ihnen die Tränen in die Augen traten, obwohl Eva sich recht schämte. Coco war wirklich ein reisender Bursch und so zahm, daß er keine Scheu kannte; seine neue Herrin wurde von ihm sofort mit zärtlichen Küßchen seines krämmen Schnabels begrüßt. Sie konnte nicht müde werden, sich seiner zu erfreuen, und Heinz vergaß beim Anblick ihres Vergnügens den Ärger über die verrietelte Überraschung. Eva sah jetzt ganz anders aus, die bleichen Wangen zeigten einen rosigen Anhauch und die Augen strahlten in frohem Glanz. "Wie steht es mit den Todesahnungen!" flüsterte ihr der Bruder neidend zu, als sie zu Bette ging. "Coco wird doch wohl zum falschen Propheten?!" Eva schloß Heinz mit einem Kuß in den Mund und zog sich mit ihrem Papagei zurück, da dieser durchaus in ihrem Zimmer schlafen sollte. Es wurde Coco ein schönes geräumiges Bauern statt seiner feinherigen unscheinbaren Behausung versprochen, wovi Heinz ganz einverstanden war. "Ich habe so etwas erwartet," sagte er; "jeder nach seinen Verhältnissen. Als Haustier eines armen Gymnasiasten war es in einem Holzstäfzig gut genug um ihn bestellt, ein reiches Fräulein kann ihm schon eine ganz andere Wohnung verschaffen. In seinem Geldbeutel wimmelt es von Goldstücken, meinen kann ich umwenden, es ist kein roter Pfennig darin."