Full text: Evas Lehrjahre

Im ersten Augenblick dachte sie sogar an eine Ausrede, um sich die Beschämung zu ersparen; aber die Unwahrheit wollte doch nicht über ihre Lippen und sie bekannte, daß sie den Geburtstag vergessen und gar nichts in Bereitschaft habe. "Was soll ich nun machen, gibt mir doch meinen guten Rat," fügte sie hinzu. Aber die Mädchen waren zu ärgerlich; sie legten Eva ihr Benehmen als Rückstandslosigkeit aus, da sie sich früher geweigert hatte, an den gemeinsamen Beratungen über den Geburtstag teilzunehmen, und so gingen sie mit der Versicherung fort, daß sie jetzt auch nicht helfen könnten. "Wir haben jede eine hübsche kleine Arbeit," sagte Käthe schnippisch, "aber dazu bist du ja zu vornehm, übrigens bist du ja auch nicht verpflichtet, etwas zu schenken." "Und ihr braucht nicht so garstig zu sein und mich noch zu ärgeren, statt mich zu bemitleiden," brauste Eva auf; im Gefühl, eine tiefe Krankheit erlitten zu haben, warf sie sich auf ihr Sofa. Ihr war recht schlecht zumute. Dass ihr auch dies geschehen müßte! Natürlich würde sie das Versäumte nachholen und etwas recht hübsches für Marie bestellen, aber das hatte dann doch keinen Wert mehr! Der Kopf tat ihr weh, die Augen schmerzten, und der Magen schüttelte sich in ihr wie ein Wurm. Was war gewiß von dem Ärger, oder sollte es die Heimtücke der Sahmentörtchen sein? Sie nahm einen der Bücher und versteckte sie zu lesen; aber so spannend auch das unbezahlte Schloß mit seinen düsteren Gängen und tiefen Verlieben beschrieben war, sie konnte doch nur mit Mühe folgen. Vielleicht würde ihr besser in der freien Luft. So schleppste sie sich ans Fenster, zog die Vorhänge zurück und öffnete das Fenster. Draußen herrschte frisches, fröhliches Leben. Da sah die ganze Hausbewohnerschaft unter der Linde vor mächtigen Körben mit grünen Erbsen, die unter Scherzen und Lachen durch die geschäftigen Finger aus ihren Hülsen befreit wurden. Eva kam sich nun noch einsamer, noch elender vor; sie war von allen vergessen, niemand bekümmerte sich um sie; sie hätte meinen